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Foto aus der Produktion Baader
©www.frischefotos.de

Choreographie einer Radikalisierung

2011, Solo, 60 Min., 10 x 10 Meter

„Baader – Choreografie einer Radikalisierung“ ist das zweite Stück einer unter dem Titel BÖSE KÖRPER begonnenen Auseinandersetzung des Choreografen Christoph Winkler mit der Repräsentation „böser“ Charaktere aus tänzerischer Perspektive. Nach der Untersuchung einzelner Elemente und Strategien solcher Repräsentationen des Bösen in der ersten Arbeit der BÖSE KÖRPER-Reihe geht es nun in einer Art Fortschreibung um eine konkrete Person der Zeitgeschichte: den deutschen Terroristen Andreas Baader.

Bilder

Foto aus der Produktion 'Baader'
Foto aus der Produktion 'Baader'
Foto aus der Produktion 'Baader'
Foto aus der Produktion 'Baader'
Foto aus der Produktion 'Baader'

Über das Stück

Die Figur, fast schon die Ikone, Andreas Baader ist mittlerweile fest im kulturellen Gedächtnis der Deutschen verhaftet, trotz oder gerade wegen zahlreicher Überschreibungen durch kolportierte Geschichten und oft widersprüchlicher Aussagen von Gegnern und Sympathisanten. Ein kleinkrimineller Beau ohne Substanz mit Hang zur Gewalt, ein verwöhntes Muttersöhnchen, dem die Vaterfigur gefehlt hat, oder ein Mann mit allen Talenten zu einem bürgerlichen Politiker, wie einer seiner späteren Rechtsanwälte anmerkt, oder ein Charismatiker, von dem der spätere Generalbundesanwalt Rebmann sagte, er sei „ganz sympathisch“.

Fest steht: Andreas Baader war ein Meister der Selbstinszenierung. Diese Fähigkeit wurde zweifellos inspiriert von seinem Onkel Michael Kroecher, einem begabten und erfolgreichen Tänzer und späteren Schauspieler. Durch den Onkel, der für Baader zur wichtigsten männlichen Bezugsperson wird, erhält er nicht nur Einblick in das Leben eines schwulen Künstlers, sondern lernt sicher auch so praktische Dinge wie das Benutzen von Kajalstift und anderer Kosmetika kennen. Seine spätere Angewohnheit, sich selbst im Gefängnis zu pudern und zu schminken oder seine Vorliebe für maßgeschneiderte Kleidung (sogar seine Anstaltskleidung lässt sich Baader anpassen), mag hier seinen Anfang genommen haben.

Die Radikalisierung Baaders beginnt mit einem gewissen Hang zur Selbstdarstellung und dem Impuls, seinen Körper im „Interesse dieses narzisstischen Bedürfnisses einzusetzen – als Objekt der Bewunderung und des Begehrens, aber auch als Medium physischer Gewalt.“ (J. Herrmann)

Die Instrumentarisierung des Körpers zum ausführenden Werkzeug intellektueller Vorgaben, als „heiligste Waffe“ des Revolutionärs, führt Baader dann fort in den Strategien der Nahrungsverweigerung, einer beispiellosen

Verwahrlosung in den Hafträumen, in der Kampagne gegen „Isolationsfolter“ bis hin zur provozierten Deutung des Selbstmords als „Murder Action“. Und es gelingt ihm so nicht nur, die Inhaftierten zu vereinen, sondern er aktiviert auch zahlreiche neue Kader für die RAF, um seinen Kampf fortzusetzen.

Diese radikale Hinwendung zum eigenen Körper, das strategische Einsetzen des Körpers in den diversen Selbstinszenierungen sogar über das eigene physische Ende hinaus macht die Person Baaders für eine tänzerische Annäherung interessant. Ein böser Körper?

Christoph Winkler Baader Trailer from Christoph Winkler on Vimeo.

Credits

 

Konzept: Christoph Winkler | Tanz: Martin Hansen | Licht: André Schulz | Kostüme: Lisa Kentner & Vivien Wanneck | Maske: Kathleen Kelly | Pressearbeit: K3 Berlin | Produktionsdramaturgie: ehrliche Arbeit - freies Kulturbüro

Eine Produktion von Christoph Winkler in Kooperation mit dem Ballhaus Ost. Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin - Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten Mit Freundlicher Unterstützung von Phase7.

 

Presseauszüge

[...] an dramaturgischer Dichte, tänzerischer Klasse und Inszenierungsintelligenz sämtlichen Konkurrenten voraus. – Süddeutsche Zeitung

Winkler und Hansen haben mit diesem physisch enorm zehrenden Ein-Stunden-Solo bewiesen, was zeitgenössischer Tanz zu leisten vermag, wenn er sich auf sich selbst besinnt: im ansonsten leeren, lichtgefüllten Raum nur durch körperliche Aktion von Selbstdarstellung bis Selbstzweifel Schichten einer Politpersönlichkeit freizulegen. – tanznetz.de

Fernab jegliches propagandistischen Auftrags, aber auch fernab von Beliebigkeit, verschränkt sich das körperlich-musische Element mit dem ursprünglichen Geist der früheren Revolte. [...] fantastisch. – taz

[...] der Choreograph Christoph Winkler den Beweis erbracht, dass es möglich ist, Andreas Baader künstlerisch darzustellen, ohne in Klischees zu fallen. [...] das Tanzstück [ist] Kunst im besten Sinne des Wortes, die nicht die Verhältnisse und gängige Meinungen und Klischees nachplappern, sondern Möglichkeiten aufzeigt. - der Freitag

[...] einen einstündigen Soloabend, der unter die Haut geht. Und sogar ins Hirn: Nicht die Ausnahmefigur Baader, sondern Baader als Jedermann tanzt hier auf. [...]fast revolutionär schön. – junge Welt

Termine