Crossing Half of China to Sleep with You

Crossing Half of China to Sleep with You

2017, Solo

Über das Stück

Die chinesische Lyrikerin Yu Xiuhua wurde mit dem Gedicht „Crossing Half of China to Sleep with You“ über Nacht zum Star.

Das Gedicht wurde vielfach ins Englische übersetzt. Diese Texte differieren mitunter nur in wenigen Worten – und doch ändert sich so ihre Bedeutung. Jede Übersetzung beinhaltet ein Scheitern. Für den Choreograf Christoph Winkler und den Performer Naishi Wang ist das der Ausgangspunkt für eine neue Performance: Beide folgen beim Übertragen der Wörter in Bewegungen, Gesten und Posen einer Subjektivität, die dem Gebrauch der Worte ähnlich ist. So entstehen Kombinationen physischer Symbole und lyrischer Metaphern, die oszillieren, ineinander verschmelzen und sich gegenseitig irritieren. Über den Atem des Tänzers, werden Yu Xiuhuas Worte und Laute eingesogen und finden Resonanz in Körper und Bewegung. Das Scheitern des Übersetzungsvorgangs wiederholt sich bei der Übertragung in die Sprache des Körpers und kreiert eine Atmosphäre der Uneindeutigkeit.

Yu Xiuhua wird 1976 geboren und leidet von Geburt an unter Zerebralparese. Sie lernt mit ihrer Behinderung umzugehen. Sie bricht die Schule ab und arbeitet als Bäuerin. Ihre Ehe scheitert. Ihr Mann verlässt sie und ihr Kind. Nach diesen Schicksalsschlägen greift sie zum Stift und beginnt zu schreiben. Über den Zeitraum von zwanzig Jahren entsteht eine Vielzahl von Gedichten, die sie berühmt machen: Die Gedichte von Yu Xiuhua handeln oft von Liebe. Ungewöhnlich ist nicht nur ihre Sprache sondern auch die Offenheit, mit der sie über ihr Erleben spricht: “I think what I have done, my bearings, and my expressions are merely false appearances. Men cannot see the real me. They are incapable to do that; at the same time, they are unwilling to do so. So in that sense, love is pathetic. Even in love, people don’t really understand what attracts them to each other. But through my poetries, I want to turn this wretchedness of love into joy and happiness, even transform it into hope. It’s an accumulating process. I can’t stop trying even though I already know the results.”

Das Gedicht „Crossing Half of China to Sleep with You“ wurde erstmals 2015 in dem Gedicht-band „The Moonlight Rests on My Left Hand/Yue Guang Luo Zai Zuo Shou Shang” veröffentlicht. Dieser erste Gedichtband aus Yu Xiuhuas Feder war eine Sensation der chinesischen Literatur.

ORIGINAL POEM BY YU XIUHUA

To spend or to be spent, what’s the difference if there is any?

Two bodies collide
— the force, the flower opened by the force, and the virtual Spring brought by the flower — nothing more than this,
and this we mistake as life restarting.
In half of China, things are happening:
volcanoes erupt, rivers run dry,
political prisoners and displaced workers are abandoned,
elk deer and red-crowned cranes get shot.
I cross the hail of bullets to sleep with you.
I press many nights into one morning to sleep with you.
I run across many of me and many of me run into one to sleep with you.
Of course I can be misguided by butterflies and mistake praise as Spring, and a village similar to Hengdian as home.
But all these are absolute
reasons that I spend a night with you.

credits

Konzept, Choreographie: Christoph Winkler | Tanz, Choreographie: Naishi Wang | Gedichte: Yu Xiuhua | PR: Nora Gores | Übertitel, Produktionsdramaturgie: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro | Kamera Walter Bickmann Tanzforum Berlin

Ein Projekt von Christoph Winkler und ehrliche arbeit in Koproduktion mit Vierte Welt Berlin. Gefördert aus Mitteln der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa.

Termine

  • 22., 24. & 25. Februar 2017
    Vierte Welt Berlin

    Premiere: 22. Februar 2016, 20 Uhr - ausverkauft!

    Weitere Vorstellungen: 24. und 25. Februar 2017, 20Uhr - wegen begrenzter Sitzplätze bitte unbedingt reservieren

    Vierte Welt| Neues Zentrum Kreuzberg| Galerie 1. OG | Kottbusser Tor| Adalbertstr. 96

    Preise: 11,-€ |7,-€ | 3,- €
    Tickets unter karten@viertewelt.de oder 0157-88440941

Pressauszüge

Dann beginnt der Dialog mit dem Text. Zum Inhalt jeder Zeile sucht er eine adäquat markante Pose und lässt sie lange im Raum stehen. Da kreuzen sich seine Arme, wenn, wie im Gedicht, die zwei Welten kollidieren; da kniet er und breitet die Arme aus; da stemmen sich im Stand seine Hände in die Brust, als wollten sie etwas herauspressen. In der typisch einbeinigen Shiva-Pose, ein Knie gebeugt, den zweiten Fuß angelegt, neigt er sich weit vor; mit gebreiteten Schwingen wird er fliegender Kranich; mit einer Hand holt er etwas von oben und hält es gepresst - jene Nächte des Gedichts, die in einem Morgen verdichtet werden, und all dies in der unbändigen Sehnsucht, mit der geliebten Person zu schlafen. Mit Torsion des Körpers weicht er dem Kugelhagel aus, der ihn umpfeift, reagiert gekauert auf die sich verändernde Lage in China: explodierende Vulkane, austrocknende Flüsse, entlassene politische Häftlinge und verdrängte Arbeiter. Auch Umarmungen finden statt, imaginäre oder reale Vereinigung mit dem Du des Gedichts. Dann erscheinen einzelne Zeilen als Projektion auf den vier Wänden des Raums, Wang wandert auf sie zu und posiert davor. [...] All dies ereignet sich in einer somnambulen Grundstimmung, als durchlebe der Tänzer einen Traum, ohne jede Hektik, im Sinn des Zen-Buddhismus gänzlich auf den Augenblick konzentriert. Zwischen fester Form und Ausbrüchen in Bewegung und Atem vollzieht sich das, beult den Körper spastisch in alle Richtungen, reißt ihm verzerrten Gesichts den Mund weit auf, dem statt Worten nur Atemstöße entfliehen. So pendelt er von Gefühlen des Krampfs, Kampfs und Zwangs zurück zu innerer Stabilität, bis ihn ein von Winkler live geschlagener Gong antreibt - ob zu mehr Suchintensität oder Rückbesinnung auf sein Ich, bleibt ebenso offen wie die Annäherung an den Gehalt eines chinesischen Gedichts in einer unvollkommenen englischen Übertragung. Reisereminiszenen mögen es sein, die Naishi Wang in seiner wunderbar anzusehenden, auf den Zuschauer reinigend wirkenden Choreografie gestaltet, den Weg durch die Tiefen und Untiefen eigenen Empfindens zu sich selbst, ‚nur’ ausgelöst durch die Lektüre eines starken Stücks Lyrik. – Volkmar Draeger, tanznetz.de

In diesem Fall sucht Wang für jeden der Sätze des philosophischen (To spend or to be spent) und sozialkritischen (political prisoners and displaced workers are abandoned) Liebesgedichts eine Geste, die mal symbolisch, mal abstrakt wirkt. [...] die Finger bewegen sich dabei wie überspannte Fühler oder Antennen, als würden sie sich durch Erhöhen der Spannung weiter ausfahren lassen. [...] Besonders virtuos wirkt das scheinbar unkontrollierte Zucken einzelner Gesichtspartien. Es folgt ein Wechselspiel zwischen Krampfen und Entladen, in das auch das Atmen einbezogen wird: Luft anhalten bis kurz vor dem Platzen, dann eruptives Entweichen der Luft. – Astrid Kaminski, tanzraumberlin.de