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Foto aus der Produktion The Wandering Problem
©Oliver Schnell

2000, Duet, 50 Min., 10 x 10 Meter

Grundlage des Stückes bildet das als „Wandering Problem“ bezeichnete Phänomen der Psychiatrie. Es beschreibt den unablässigen Drang einer Gruppe von Demenzpatienten sich fortzubewegen. Sie gleiten und wandeln scheinbar end- und zeitlos durch den Raum.

Bilder

Foto aus der Produktion 'The Wandering Problem'
Foto aus der Produktion 'The Wandering Problem'

Über das Stück

Ihre monotonen Gänge, ihr unaufhörlicher Bewegungsdrang kompensiert somit wahrscheinlich den fortwährenden Verlust ihrer Gefühls- und Innenwelten. Das im Diskurs oft verklärte Motiv des nomadisch lebenden Menschen der heutigen Zeit findet hier sein pathologisches Extrem: ohne Erinnerungen gibt es keine Verortung in der Welt und ohne die Zeichen des städtischen Raumes lesen zu können sind es Gänge ohne Wiederkehr.

Wenn man diesen Menschen miniaturisierte Welten schafft, so laufen sie oft unablässig aneinander vorbei und sind nach Aussagen von Beobachtern kaum zu unterscheiden von dem gesunden Rest der Menschheit. Es geht in dem Stück aber nicht darum, eine Krankenakte zu bebildern, sondern um die Konzentration auf bestimmte Aspekte dieses Phänomens auf einer metaphorischen Ebene. Wenn das Theater wirklich der Platz für das Durchspielen von gesellschaftlichen Phänomenen ist, dann nehmen wir diese Weltmetapher wörtlich und erschaffen für den Tänzer ein System mit räumlich und zeitlich koordinierten Abläufen. In diesem System beginnt seine Wanderung, die nur unendlich sein kann und der Tanz wird plötzlich zum Handeln an sich selbst.

Trailer

Credits

Tanzstück von Christoph Winkler
mit Ingo Reulecke und Nicole Baumann
Musik: Mark Spybie, Hazard, Terre Thaemlitz, Sleep Research Facility
Video: Lillevän

Produktion: Christoph Winkler

Auszüge aus Rezensionen

Winkler schickt seinen Protagonisten auf ein weißes Tanzboden-Quadrat ... kein Pantherkäfig, doch Ort einer immerwährenden Bewegung, die ihren Mittelpunkt verloren hat. So sehr Reulecke auch schlängelnd in den Raum ausgreift, herumstelzt, nach immer neuen Kontaktpunkten zum Boden sucht – es wächst keine Vertrautheit, die Welt weigert sich, Heimat zu werden. Der Blick nimmt nichts in Besitz. Das Sprungtuch der eigenen Biografie ist zerrissen, das soziale Netz zerfallen. So lebt er hin ... und der Zuschauer folgt ihm fasziniert von dem vergeblich aufblühenden Bewegungsvokabular das Winkler zu Tage gefördert hat...Dann herrschen Stille und Stillstand. Für 120 Sekunden ist die Bühne leer. Und die Unruhe in uns wird laut, wie die Frage, „ob wir nur Drift sind oder auch Stätte“. So hat das Botho Strauß einmal geschrieben. Ein kostbarer Moment. - Tagesspiegel

Winkler, ... der Liebling der Berliner Tanzszene ..., findet für Zerfallserscheinungen an Leib und Bewusstsein, Körper und Verstand bisweilen quälende Tanzbilder. Verworren lasziv und raubtierhaft gespannt, dann wieder schlenkernd und erschlafft, plötzlich in überspannte Drehungen, unfaßliche Verdreher und Aufschraubungen verfallend oder abrupt erstarrend, steht ihm ein Bewegungsvokabular zu Gebote, das alles Idyllische meidet, das Abgründige dabei aber mehr zitiert als bedrohlich ausagiert. FAZ

Ohne Erinnerung hat nichts mehr eine Bedeutung. Ohne Bedeutung ist kaum etwas erinnerbar. Was trotzdem geschieht, verlischt ohne Spuren. Zwei Füße stemmen sich gegen den Boden, mit jedem Quadratzentimeter der Zehen und Ballen den Druck auskostend. Da ist etwas was Widerstand leistet... Im Blick von I. Reulecke ist kein Erkennen auszumachen. Das Leben hat seine Orientierungspunkte im Raum verloren ... Im Dehnen des Körpers, im Aufspreizen der Glieder, vergewissert er sich der eigenen Reichweite. Doch weil Raummuster und Ordnung fehlen, sacken diese filigranen Figuren oft zusammen, verknäulen sich die Glieder...Die Tempi des Geschehens, der Wahrnehmung und des Deutens laufen nicht mehr synchron. Das verschluckte Leben explodiert in einem Schrei und Gebell, von dem man wirklich froh ist, wenn es vorbei ist. Die Instrumente, mit denen C. Winkler das Vokabular der Bewegung untersucht, glichen noch nie so sehr Seziermesser. Schon oft aber hat er alles Vertraute aus den Gesten herausgestrichen und sich in unbeschriebene Gebiete gewagt ... taz

Christoph Winklers „The Wandering Problem“, radikal und konsequent, beleuchtet ein psychiatrisches Phänomen, den unstillbaren Drang zu unablässigen Bewegung, und stellt Ingo Reulecke in einen klinisch weißen Raum. In stets neuen Anläufen ringt er seinem ungewöhnlich dehnfähigen Körper Verschiebungen und Verlagerungen der Gliedmaßen ab. Erst als der Raum zusammensinkt, endet die bis ins Tierhafte getriebene Formsuche. - Berliner Morgenpost