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Foto aus der Produktion Triple Bill
©Marcus Lieberenz

Eine Weisses Blatt - The Long Song - Sexualität und Wahrheit

2004, Drei Stücke, 60 Min., 15 x 10 Meter

Was haben ein ehemaliger bayerischer Meister im Stenographieren, eine stadtbekannte Ballerina, amerikanische Folkmusik und die Einsatzpläne der Feuerwehr für den Ernstfall miteinander zu tun?

Über das Stück

Das erste Stück heisst „Ein weisses Blatt“ und ist eine Moriske für Bartleby. Das zweite Stück ist ein Lied über die Angst und hat den Titel „The Long Song“. In Nr.3 verschmelzen das Symposion Platon’s mit Mallarme’s Nachmittag eines Fauns zu einem Stück Bastard-Pop das den Titel „Sexualität und Wahrheit“ trägt.

Winkler greift hiermit eine besonders an den Opernhäusern beliebte Form der Präsentation von Tanz auf, die drei nicht abendfüllende Stücke thematisch mehr oder weniger lose zu einem Abend verbindet. Er choreographiert gleich alle 3 Stücke selbst und findet als verbindendes Element für die Stücke die Auseinandersetzung mit bekannten Musikwerken und literarischen Figuren, die bereits über eine eigene Rezeptionsgeschichte verfügen. Solche Werke stehen auf Grund ihres „diskursiven Ballasts“ jeder Neuinterpretation nicht wehrlos gegenüber und man darf gespannt sein, wie Winkler, der in seinen Stücken oft eine ungewöhnliche Perspektive einnimmt, damit umgeht.

Credits

Choreographie: Christoph Winkler
Mit: Günther Wilhelm (Ein weißes Blatt); Miriam Kohler, Alexander Schröder, Florian Bilbao (The Long Song); Bettina Thiel, Ingo Reulecke, Raffaella Galdi, Anna Luise Recke, Christine Joy Ritter, Brit Rodemund, Yael Schnell, Zufit Simon, Angelika Thiele, Anat Vaadia, (Sexualität und Wahrheit pt1)
Bühnenbild: Alexander Schellow, Charlotte Kaiser
Musik: Ekkehard Ehlers, Devendra Banhart
Licht: André Schulz
Dramaturgie The Long Song: Jan Philipp Possmann
Produktionsleitung: Barbara Friedrich

Produktion: Christoph Winkler, Sophiensaele und TANZTAGE BERLIN. Gefördert von der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur und dem Fonds Darstellende Künste. Mit freundlicher Unterstützung der Tanzfabrik Berlin.

Presseauszüge

In seinem „Triple Bill“ in den Sophiensaelen, ... entfaltet er seine Könnerschaft fast schon zu souverän. Berliner Zeitung, 07.12.2004 Christoph Winkler, dessen Engagement, dem Tanz neue Bedeutung zu verschaffen, jeden Respekt erheischt, steht am Kreuzweg. - Neues Deutschland

Wofür Foucault drei Bände braucht, das handelt Christoph Winkler in 45 Minuten ab. Doch unbestritten ist dieses Stück der Höhepunkt des dreiteiligen Abends „Triple Bill“ in den Sophiensaelen. ... Bettina Thiel, Erste Solistin des Staatsballetts Berlin, im Duett mit Ingo Reulecke .. Sie ist unglaublich geschmeidig und lasziv, eine Tigerin. Er ist mehr Luftgeist als Faun ... So schön ergänzen sich diese Zwei, die sich halb zu Boden ziehen, halb hinsinken. Acht herrliche Tänzerinnen bilden dann einen Chor der Liebespriesterinnen. Mit ihren gespannten, energiegeladenen Bewegungen erinnern sie an Amazonen, kämpferisch und sexy. Christoph Winkler kann, abgesehen von seinen diskursiven Anstrengungen, schon fast als Choreograf der alten Schule gelten, geht es ihm doch vornehmlich um Bewegungsgestaltung und Komposition. - Tagesspiegel

Auch in seinem neuen dreiteiligen Stück „Triple Bill“ stellt er die Nähe zu philosophischen Diskursen aus, weil sie den Denkraum markieren, in dem die Kunst sich ereignet: Der erste Teil ist der Figur des Bartleby von Melville gewidmet ... Der Tänzer Wilhelm Groener wird ihr auf eine spröde Weise gerecht, mit einem aufgeben der Widerstände des Körpers, die ihn überhaupt aufrecht stehen lassen. Der zweite Teil ist das aufregende Protokoll einer Katastrophe, die sich in kurzen Textbildern sehr schnell zu einem dichten Bild der Angst steigernd; der dritte Teil, „Sexualität und Wahrheit“ genannt, führt ein schönes modernes Ballett auf. Die Mittel, den Kontext zu behaupten, sind jedes Mal andere, und Winkler selbst nimmt sich dabei die rolle des Künstlers, für den sich verschiedene Konzepte nicht ausschließen. - Die Tageszeitung

Doch die drei Stücke, die Winkler präsentiert, sind von unterschiedlicher Qualität und werfen so die Frage nach den Grenzen einer solchen Kontextualisierung auf. So spielen sich Gelingen und Scheitern zwischen dem ersten und letzten Stück des Abends ab. ... Winkler gelingt mit seiner halbstündigen Choreographie Bartleby – Ein weißes Blatt das spannende Porträt eines Manns, der in seinem selbstgeschaffenen Gefängnis zugrunde geht. Günther Wilhelm, dessen tänzerisches Können erheblich zum Erfolg des Stücks beiträgt, stürmt schwarz gekleidet auf die Bühne, betritt ein kleines Podest, stürzt zu Boden und rollt aus der Welt, die er sich schreibend anzueignen versucht. In der Folge tastet er deren Grenzen mit klar artikulierten, flinken und präzise gesetzten Bewegungen ab, als schreibe sich sein Körper tatsächlich mit jeder Bewegung, jeder Drehung und jeder Torsion in den Raum ein. - tanzjournal