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Foto aus der Produktion Berst

2001, 6 TänzerInnen, 70 Min., 12 x 12 Meter

„Berst“ handelt von einem Paradox: Tänzerinnen agieren auf der Bühne immer als denkende und fühlende Persönlichkeiten. Ihr Handeln ist immer ein Handeln an sich selbst, da sie selbst Träger ihrer Kunst sind. Trotzdem tritt während des Tanzes das Subjekt der Tänzerin immer hinter der Tanzenden zurück, denn die tanzenden Körper sind anonym, sie sind niemals eine Person, sie sind wie Mallarme schreibt „immer nur Emblem, nie jemand...“.

Über das Stück

„Berst“ versucht nun Übergänge zu schaffen. Es fordert den Darstellerinnen „Bekenntnisse“ ab um sie aus dieser Anonymität zu holen. Die Sprache und der Tanz stehen in enger Beziehung ohne sich aber zu vermischen. Durch das Nachwirken der Texte entsteht ein aufgeladener Tanz, dessen flüchtiges Ereignis plötzlich in einer markierten oder kartographierten geistigen Landschaft stattfindet. Dabei werden Reserven und Potentiale des Gefühls entdeckt und die Frage formuliert: wie kann man tanzen, also leben. Gefühle stellen sich wieder als ephemeres Phänomen heraus und „Berst“ verliert die Tänzerinnen zurück an den Tanz.

Christoph Winkler - Berst - 2001 - Excerpt1 from Christoph Winkler on Vimeo.

Christoph Winkler - Berst - 2001 - Excerpt2 from Christoph Winkler on Vimeo.

Christoph Winkler - Berst - 2001 - Excerpt3 from Christoph Winkler on Vimeo.

Credits

Choreographie: Christoph Winkler
Tanz: Lydia Klement, Anja Hempel, Kazue Ikeda, Miriam Kohler, Heini Nukari, Peggy Ziehr
Musik: Ulf Langheinrich, Panacea, Fennesz, The Doors

Produktion: Christoph Winkler, gefördert von Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur

Auszüge aus Rezensionen

„Berst“ heißt das jüngste Werk des Choreografen Christoph Winkler, das jetzt im Theater am Halleschen Ufer seine Uraufführung hatte. In der freien Berliner Tanzszene gilt das Wunderkind Winkler als eines der innovativsten Talente, man denke nur an seine unglaublichen Solo-Choreografien bei den Tanztagen. „Berst“ ist eine Gruppeninszenierung zwischen Tanz- und Sprechtheater. Zwischen Stille und dumpfen, bisweilen sirenenartigem elektronischen Sausen und Brummen offenbaren die sechs Tänzerinnen schreckliche, intime Erinnerungen, wie das Verlustgefühl bei einem vorgetäuschten Tod des Vaters, der Abtreibung eines schon toten Kindes oder gar den paradoxen Moment, die Liebe im Angesicht des Todes zu entdecken. Sie bekennen, dass sie dies kaum tanzen können. Das gesprochene Wort dient als Anleitung zu der getanzten Sprache. Sie versuchen es... Winklers System ist klug. Natürlich versucht man in den Bewegungen, die vorhergenannten Gefühle wieder zu entdecken. Auch denkt man, sie zu sehen. Als eine Tänzerin den Blick des Betrachtenden dokumentiert, stellt sich die Frage, ob es nun das Handeln, die fiktiven Spuren des Ausgedrückten sind, die gesehen werden, oder nur das gehörte Wort. Christoph Winklers Berst ist ein komplexes System von Mechanismen, in dem schließlich der Ausdruck des Gefühls unerkennbar wird. Berliner Morgenpost

In seinem neuen, am Wochenende im Theater am Halleschen Ufer uraufgeführten Stück „Berst" arbeitet Winkler wieder mit sechs Tänzerinnen. War in dem vorherigen Stück alles auf Struktur und Äußerlichkeit angelegt, fragt der Choreograf jetzt nach der Innerlichkeit, den jeweils persönlichen Antrieben der Tanzenden. Ich bin Lydia Clement sagt die Tänzerin Lydia Clement und erzählt von ihrer ersten Liebe, die mit dem Tod des Großvaters zusammenfiel, ich bin Anja Hempel, sagt die Anja Hempel und erzählt, wie ihr Vater sich einen Spaß daraus machte, einen Selbstmord mit der Pistole vorzutäuschen, um seine Kinder zu erschrecken. Später wird eine andere Tänzerin behaupten Lydia Clement oder Anja Hempel zu sein und deren Geschichte als ihre eigene behaupten. Ähnlich verhält es sich mit den Bewegungen. Weite Partien des Stücks sind jeweils solistisch mit den Tänzerinnen erarbeitet worden, zuweilen scheinen alle gleichzeitig ihr jeweils eigenes Solo zu tanzen, wobei es unmerklich zu Übertragungen von Bewegungen kommt, zu einem beiläufigen Ineinanderschieben gleicher Sequenzen. Das sind die großen Momente des Abends, in denen sich die Beziehungen der Tänzerinnen untereinander und zum Raum rätselhaft verdichten. Berliner Zeitung

Was kann man tanzen, fragt Christoph Winkler in seinem neuen Stück „Berst“ Jede einzelne Geschichte geht ihren eigenen Bewegungsweg und das entstehende komplexe Geflecht zeugt von einer besonderen Begabung, Räume aus Körpern zu bauen....Seit seiner Einladung zur Plattform 2002 hat er den Ruf eines Hoffnungsträgers. In „Berst“ streut er Texte in die Choreographie wie Knallfrösche und wartet darauf, wo die Schnipsel zur Erzählung zünden und wo nicht. Ein sehr sehenswerter Abend! Märkische Allgemeine

...in seiner Produktion „Berst“ hatte Winkler seine komplexen Formen einem riskanten Test ausgesetzt: Den Kontext des Tanzes bildeten biografische Erzählungen, aber nicht, um im expressiven Gestus aufzugehen, sondern um die Trennung und Brüche zwischen innerer Emotion und äußerer Bewegung zu thematisieren. - TAZ